Unter Strom: Disput um die Netzgebühren

    Press/Media

    Description

    WIEN/LINZ. Stromnetztarife und Gebühren: Wie entstehen sie, und warum sollen PV-Anlagen-Besitzer künftig mehr für die Nutzung der Netze zahlen?

    Emotional wie die Diskussion um Windkrafträder ist in Österreich auch jene über das geplante Elektrizitätswirtschaftsgesetz (EIWG) und den Plan, Besitzer von Photovoltaikanlagen künftig für die Netznutzung stärker zur Kasse zu bitten. Gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Leiter des Energieinstituts der JKU, Johannes Reichl, beleuchten die OÖNachrichten die Fakten.

    Warum müssen die Stromnetze ausgebaut werden?

    Der Ausbaubedarf betrifft Stromleitungen auf der Verteilnetzebene (also Ortschaften), Stromleitungen zwischen Ost- und Westösterreich (Übertragungsnetze), sowie Leitungen zwischen Österreich und Nachbarländern. „Dies ist deshalb der Fall, da erneuerbarer Strom nicht unbedingt dort produziert werden kann, wo auch die Verbrauchszentren sind“, sagt Reichl. Also etwa, weil Windstrom aus Nordeuropa zur Industrie nach Süddeutschland oder Österreich transportiert werden muss. Außerdem seien Investitionen zu beachten, die notwendig werden, um die Stabilität der Stromversorgung zu gewährleisten.

    Reichl: „Für eine sichere Stromversorgung muss zu jeder Sekunde genau so viel Strom in die Netze eingespeist werden, wie entnommen wird. Wenn Sonne und Wind nicht ausreichend Strom produzieren, müssen andere Quellen mehr liefern.“ Dies sei in Österreich vor allem Wasserkraft. Allerdings sind auch fossile Gaskraftwerke noch im Einsatz, um einen Mangel an Sonnen- und Windstrom auszugleichen. „Es gab im Jahr 2024 etwa 300 Stunden mit mehr als 30 Prozent Gasstromanteil im Netz“, sagt Reichl. Umgekehrt deckten Sonne und Wind bis zu 120 Prozent der Nachfrage, aber nur für wenige Stunden. Mehr als 7000 Stunden konnten weniger (meist viel weniger) als 50 Prozent damit gedeckt werden.

    Sind nutzer- und verbrauchsabhängige Netzgebühren gerecht?

    „Um zu verstehen, warum PV-Anlagen-Besitzer derzeit auf Kosten anderer Stromkunden (ohne PV-Anlagen, Anm.) profitieren, muss man verstehen, wie die Höhe der Netztarife festgelegt wird“, sagt Reichl. Vereinfacht dargestellt: Die Kosten des Stromnetzes (Bau und Betrieb) werden von den Netzbetreibern an die Behörden gemeldet. Diese Kosten werden dann vom österreichischen Regulator E-Control geprüft. Nur jene Kosten, die als notwendig für eine sichere Stromversorgung kategorisiert werden, sind auf Stromkunden umzulegen. Reichl: „Als Verteilungsschlüssel werden die von allen Haushalten verbrauchten kWh herangezogen.“ Wenn die gesamten Kosten des Netzes in einer fiktiven Region pro Jahr 100.000 Euro sind und ein bestimmter Haushalt ein Prozent des gesamten Stromverbrauchs hat, betragen die Netzgebühren 1000 Euro.

    Der Netzbetreiber selbst hat, so Reichl, keinen Einfluss auf die Netzgebühren. Wenn dieser Haushalt nun eine PV-Anlage installiert, steigen tendenziell die Kosten für den Stromnetzbetreiber, weil er das Netz verstärken muss. Im Gegenzug dazu bezieht der Haushalt nur noch 0,5 Prozent (statt ein Prozent) des gesamten Stromverbrauchs, den Rest macht seine PV-Anlage. „Das heißt, obwohl er für eine Erhöhung der Gesamtkosten mitverantwortlich ist, leistet er nur noch halb so viel zur Finanzierung“, so Reichl. Die Gesamtkosten betragen aber 101.000 Euro, alle Haushalte müssen nun mehr Netzgebühren bezahlen, um den geringeren Beitrag auszugleichen. Reichl: „Der aktuelle Verteilungsschlüssel für die Netzgebühren bedeutet indirekt also eine Förderung für PV-Anlagen.“

    Das Energieinstitut hat das simuliert: „Wir haben gesehen, dass die Verschiebung weniger als ein halbes Prozent Kostensteigerung pro zusätzlichem Prozent an PV-Haushalten ausmacht.“ Eine echte Schieflage entstehe aber spätestens, wenn ein Drittel oder mehr der Haushalte eine PV-Anlage besitzen, „dann kommt die Kostensteigerung für alle Haushalte auf 15 oder mehr Prozent.“

    Was bedeutet das für die aktuelle Diskussion?

    „Das Netztarifsystem verschafft jetzt PV-Anlagen-Besitzern wirtschaftliche Vorteile“, sagt Reichl. Eine Änderung sei bei rasant steigenden Zahlen neuer PV-Anlagen sozial unausweichlich. PV-Anlagen-Besitzer dürften aber nicht das Gefühl bekommen, dass sie „für ihren Beitrag zur Energiewende bestraft werden.“ Deshalb sollten klare Anreize geschaffen werden, um PV-Überschüsse nicht ins Netz einzuspeisen – dies können Speicher leisten, die man fördern könnte. Effizientere Speicher an wichtigen Punkten im Netz seien derzeit aufgrund des Designs der Netztarife nicht möglich, man würde für jede kWh zweimal bezahlen: Einmal hin zum Speicher und zurück. Außerdem seien Speicher meist „dumm“. Sobald die Sonne aufgeht, speichern sie Strom, zu Mittag, wo sie das Netz entlasten sollten, sind sie voll. Hier müsste man ansetzen, so Reichl, und Speicher „netzdienlicher“ machen.

     

    Period08 Jul 2025

    Media coverage

    1

    Media coverage

    • TitleUnter Strom: Disput um die Netzgebühren
      Degree of recognitionLocal
      Media name/outletOÖNachrichten
      Media typeWeb
      Country/TerritoryAustria
      Date08.07.2025
      DescriptionWIEN/LINZ. Stromnetztarife und Gebühren: Wie entstehen sie, und warum sollen PV-Anlagen-Besitzer künftig mehr für die Nutzung der Netze zahlen?
      Emotional wie die Diskussion um Windkrafträder ist in Österreich auch jene über das geplante Elektrizitätswirtschaftsgesetz (EIWG) und den Plan, Besitzer von Photovoltaikanlagen künftig für die Netznutzung stärker zur Kasse zu bitten. Gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Leiter des Energieinstituts der JKU, Johannes Reichl, beleuchten die OÖNachrichten die Fakten.
      Producer/AuthorClemens Thaler
      URLhttps://www.nachrichten.at/wirtschaft/unter-strom-disput-um-die-netzgebuehren;art15,4066531
      PersonsJohannes Reichl