Der Gedanke, dass jedes Land energieautark sein soll, ist absurd

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LINZ. JKU-Professor Johannes Reichl über Energiewende und Anpassung an den Klimawandel

Diese Woche strömt halb Oberösterreich wieder auf die Energiesparmesse nach Wels. Aber wo steht Österreich bei der Energiewende? Warum werden Energieprojekte zum Teil mit fast religiösem Eifer diskutiert? Und ist mit dem Ausscheiden der Grünen aus der Bundesregierung der Klimaschutz ad acta gelegt worden? Darüber sprachen die OÖNachrichten mit dem Universitätsprofessor Johannes Reichl, dem wissenschaftlichen Leiter des Energieinstituts, der an der JKU das LIT Future Energy Lab aufbaut.

OÖN: In der neuen Regierung gibt es kein Klimaschutzministerium mehr. Ist das das Ende für den Klimaschutz in Österreich, wie die Grünen befürchten?

Johannes Reichl: Definitiv nicht. Es wurden ja keine Ziele zurückgenommen. Was dafür erkennbar ist, ist ein etwas breiterer Zugang, der über den Ausbau von Wind- und Sonnenstrom hinausgeht. Daneben stehen auch Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit im Vordergrund. Und das ist auch sehr wichtig. Auch Biogas und Geothermie sollen eine größere Rolle spielen. Das lässt sich aus dem Regierungsprogramm zumindest herauslesen.

Nicht nur in Österreich ist der Ausbau der Stromerzeugung, etwa der Windkraft, oder der Leitungsinfrastruktur zum Teil wild umstritten, oftmals werden Diskussionen mit religiösem Eifer geführt. Worauf führen Sie das zurück?

Das ist schwer zu sagen, aber es hat natürlich mit der Sichtbarkeit der geplanten Maßnahmen zu tun. Natürlich soll kein Wildwuchs Platz greifen, und Bedenken sollen gehört werden. Es ist wahrscheinlich nicht unbegründet, wenn der Tourismus Bedenken gegen Windräder äußert. Andererseits kenne ich auch keine Untersuchungen, die einen negativen Einfluss belegen. Generell ist es klug, wenn es einen Masterplan für den Ausbau gibt. Ob die geografischen Grenzen dafür zu eng gefasst sind, ist eine politische Frage. Aber dass Veränderungen Emotionen auslösen, ist nichts Neues. Ich erinnere mich an die Einführung von Smart Meter, die von einer Welle von abenteuerlichen Fake News begleitet wurde, auch wenn man sie damals noch nicht so nannte.

Die Emotionalität, die solche Projekte begleitet, ist auch für die Verzögerung vieler Projekte verantwortlich. Wie soll man damit umgehen?

Solche Projekte haben in der Regel Vorteile für eine große Menge an Menschen, für einige wenige aber auch gravierende Nachteile. Man sollte schon frühzeitig überlegen, wie man Kompensationen für die wenigen Benachteiligten findet. Das muss genau reglementiert werden, hätte aber den Vorteil, dass man Emotionen rausnimmt, rascher Projekte umsetzen kann und sich den Einsatz teurer Anwaltskanzleien spart, die Verfahren auch hinauszögern. Es muss uns bewusst sein, dass wir bei der nötigen Infrastruktur erst am Anfang stehen und schnell neue Projekte umsetzen sollten.

Im Mühlviertel gibt es seit Jahren einen offenen Konflikt Freileitung versus Erdkabel. Was spricht wofür?

Technologisch ist beides möglich. Es ist eine Frage der Kosten. Das Erdkabel ist wesentlich teurer, die Kosten schlagen auf die Netztarife durch. Und diese Tarife sind schon jetzt sehr hoch und höher als etwa in den USA. Da käme es wahrscheinlich billiger, die betroffenen Anrainer direkt finanziell zu entlasten.

Immer wieder wird den Menschen erzählt, dass Österreich energieautark sein soll. Ist das ein verfolgenswertes Ziel?

Die Idee, dass jedes Land autark sein soll, ist absurd. Ein gewisser Eigenversorgungsgrad ist wichtig, aber sonst wäre es fatal und teuer, wenn wir nicht die Vorteile der unterschiedlichen Länder nutzen würden. Das bedeutet aber auch, sich nicht mehr von einem einzigen Land abhängig zu machen.

Wäre es ein Beinbruch, wenn die EU ihre Klimaziele nicht pünktlich erreicht?

Wahrscheinlich nicht, die EU wäre dennoch früher dran als die meisten anderen Wirtschaftsräume.

Wäre es eine Überlegung wert, sich daneben stärker auf die Anpassung an den Klimawandel zu konzentrieren?

Unbedingt, das ist bisher in Europa vernachlässigt worden. Man kann nicht damit rechnen, dass der Klimawandel innerhalb unserer Kontrolle bleibt. Und man hört nicht gern, dass Österreich allein den Klimawandel nicht stoppen kann. Daher muss man auch mehr überlegen, wie man auch die Vorteile des Klimawandels wirtschaftlich nutzen kann. In der Landwirtschaft gibt es enormes Innovationspotenzial, auch im Tourismus. Das steirische Ennstal zum Beispiel hat sich davon verabschiedet, allein Winterskigebiet zu sein, und konzentriert sich im Sommer auf die Mountainbiker. Dadurch steigt die Auslastung der Betriebe.

 
Period05 Mar 2025

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